Umut Polat im Interview – „Der Plan steht bis ins kleinste Detail…“

JR: Hallo Umut, nur noch wenige Tage bis zum Trainingsauftakt bei deinem neuen Club im Laufenburger Waldstadion. Vermutlich hast du dir schon einen Plan zurecht gelegt, wie du das erste Training gestalten wirst. Was überwiegt im Augenblick – Vorfreude oder Anspannung?
UP: Die Vorfreude ist riesig. Ich bin froh, dass es endlich losgeht. Die heissen Temperaturen der vergangenen Tage und Wochen haben mir persönlich sogar geholfen, mich gut zu erholen und neue Energie zu tanken. Wir haben die Pause intensiv genutzt, der Plan steht bis ins kleinste Detail und wir haben an alles gedacht. Jetzt sind wir bereit und freuen uns darauf, dass es endlich ernst wird.

JR: Die letzten Wochen in Birsfelden waren sicher nervenaufreibend? Ihr habt den Klassenerhalt nach einem Jahr in der 2. Liga aufgrund der schlechteren Tordifferenz knapp verpasst, wenn ich das richtig recherchiert habe?
UP: Nicht die Tordifferenz war letztlich ausschlaggebend, noch viel tragischer war die Situation mit den Strafpunkten. In der Schweiz wird jede Gelbe oder Rote Karte mit Strafpunkten sanktioniert, vergleichbar mit dem Punktesystem in Flensburg in Deutschland. Wir hatten im Verlauf der Saison deutlich mehr Strafpunkte als unsere Konkurrenz und das hat uns am Ende das Genick gebrochen. Drei Mannschaften mit 25 Punkten, direkt Begegnungen waren wir besser. Allerdings wäre es zu einfach, alles darauf zu schieben. Es gab weitere Gründe, die langfristig viel schwerer wogen. In der Schweiz ist die Fluktuation oft grösser als in Deutschland. Wir hatten einen Kader von 27 Spielern, von denen 23 im Laufe der Saison den Wunsch geäussert hatten, den Verein zu verlassen. Dadurch herrschte ständig Unruhe. Wir haben es als Trainerteam zwar lange geschafft, die Situation zu kontrollieren, aber auf Dauer kostet eine solche Dynamik unglaublich viel Energie und wirkt sich zwangsläufig auf die Mannschaft aus.

JR: Am 29.06. führt dich der Weg nun also nach Laufenburg. Neben deinem Co Trainer Fabio Villani und dem Athletik Trainer Nino White bringst du mit Arjon Ademi und Connor Forsyth auch zwei Spieler mit. Wie konntest du die beiden überzeugen zum SV 08 zu wechseln?
UP: Ich musste niemanden für Laufenburg überzeugen. Die Trainingsanlage, die Mannschaft und die Atmosphäre im Verein haben für sich gesprochen. Connor begleitet mich mittlerweile seit knapp drei bis vier Jahren. Er ist fast so etwas wie ein Ziehsohn geworden und ich durfte seine Entwicklung über einen langen Zeitraum begleiten. Er hat enorme Fortschritte gemacht und ich bin überzeugt, dass dieser Weg noch lange nicht zu Ende ist. Trotzdem gilt für ihn wie für jeden anderen Spieler: Geschenkt bekommt bei mir niemand etwas. Jede Einsatzminute muss man sich im Training verdienen, das gilt für Connor genauso wie für alle anderen.

JR: Worin siehst du die Stärken der beiden?
UP: Ari ist ein aussergewöhnlicher Athlet. Er sieht aus wie ein Bodybuilder, sprintet fast wie Usain Bolt und führt Zweikämpfe mit der Intensität eines Ringers. Dazu kommt, dass er ein sehr intelligenter Junge ist, der seine körperlichen und athletischen Vorteile genau kennt und sie auf dem Platz sehr clever einzusetzen weiss. Das macht ihn zu einem enorm unangenehmen Gegenspieler. An einer Sache müssen wir aber noch arbeiten: Mit Lob kann er noch nicht besonders gut umgehen. Doch auch das gehört zur persönlichen Entwicklung und ich bin überzeugt, dass wir das gemeinsam hinbekommen.

Connor wird sicherlich etwas Anlaufzeit benötigen. Das ist völlig normal. Was ihn allerdings besonders auszeichnet, ist seine Mentalität. Er gehört zu den Spielern, die lieber noch eine Einheit mehr absolvieren als eine weniger und die bereit sind, härter zu arbeiten als viele andere. Genau diese Einstellung wird ihm früher oder später seine Einsatzminuten bringen. Wer konstant Leistung zeigt und täglich an sich arbeitet, wird belohnt.

JR: Der FC Birsfelden wird nicht sehr begeistert gewesen sein, als sie vom Wechsel der beiden erfahren haben?
UP: Dazu möchte ich eigentlich nur einen Punkt klarstellen. Bereits Anfang Mai haben beide Spieler intern kommuniziert, dass sie den Verein verlassen werden. Nachdem ihre Wechsel definitiv abgeschlossen waren, wurden diese auch offiziell bekannt gegeben. Wie einzelne Personen darauf reagieren oder ob jemand damit ein Problem hat, kann ich nicht beeinflussen. Solche Entscheidungen gehören zum Fussball dazu und nicht alles liegt in unserer Hand.

JR: Wie oft werdet ihr in der Vorbereitung trainieren und wie oft während der laufenden Saison?
UP: Wir absolvieren drei Trainingseinheiten pro Woche und alle drei werden mit einer gezielten Belastungssteuerung geplant. Uns ist wichtig, dass die Spieler zwar intensiv arbeiten, gleichzeitig aber auch die notwendige Regeneration erhalten. Nur so können wir langfristig konstant Leistung bringen und Verletzungen möglichst vermeiden.

JR: Das ist alles schon sehr zeitintensiv. Lässt sich das alles ohne Probleme mit deinem Beruf vereinbaren?
UP: Ja, absolut. Zum Glück habe ich eine grossartige Vorgesetzte, die mein Engagement voll unterstützt. Gleichzeitig kann ich mich auf ein starkes Team verlassen, das mir jederzeit den Rücken stärkt. Das ist keine Selbstverständlichkeit und dafür bin ich sehr dankbar. Ohne dieses Umfeld wäre es kaum möglich, Beruf und Fussball in dieser Intensität miteinander zu verbinden.

JR: Ihr habt neben den zwei Spielen im Rahmen des Grieshaber Cups fünf weitere Testspiele vereinbart, das letzte gegen die U21 des FC Winterthur, die ich mir auch sehr gut als teilnehmende Mannschaft am Grieshaber Cup vorstellen könnte. Hast du dorthin einen besonderen Kontakt?
UP: Ja beim FCW kenne ich einige Leute. Mario Cantaluppi und ich kennen uns bereits seit vielen Jahren. Mittlerweile würde ich sogar sagen, dass uns eine Freundschaft verbindet. Er arbeitet heute als Assistenztrainer von Stephan Lichtsteiner beim FC Basel, trotzdem pflegen wir regelmässig den Kontakt und tauschen uns aus. Jonas Uebersax, Assistenztrainer der ersten Mannschaft des FC Winterthur, gehört ebenfalls zu meinen sehr guten Freunden. Jonas ist ein sehr starker Fussballtrainer mit einer sehr tollen Persönlichkeit. Mit Patrick Rahmen verbindet mich ebenfalls ein gutes Verhältnis. Der Kontakt ist eher selten, aber wann immer wir uns austauschen, ist das sehr wertvoll.

JR: „Das zweite Jahr nach dem Aufstieg wird schwerer werden als das vorherige.“ Dieser Satz ist hier im Umfeld immer mal wieder zu hören. Was hältst du von dieser Aussage und welches Ziel habt ihr euch als Trainerteam gesteckt?
UP: Das zweite Jahr gilt im Fussball oft als das schwierigste und genau deshalb müssen wir vorbereitet sein. Zum Glück konnte ich aus meiner Zeit in Birsfelden sehr viel mitnehmen. Dort habe ich gelernt, was im Abstiegskampf wirklich entscheidend ist: Ruhe bewahren, Vertrauen ausstrahlen und sich nicht von Hektik anstecken lassen. Genau diese Eigenschaften werden auch in dieser Saison wichtig sein. Für uns ist es die erste Saison in Laufenburg. Somit ist es im Auge des Betrachters vielleicht gar nicht die 2. Saison 🤣

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